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Datum: 21.06.2022

»EU-Agrarpolitik auf Tuchfühlung in der Region«

Prof. Dr. Sven Simon, Abgeordneter im EU Parlament, im Gespräch mit Landwirten aus dem Hochtaunuskreis zu Themen rund um die Agrarpolitik

Hochtaunuskreis. Die Agrarpolitik Europas steuert weiter in Richtung Extensivierung, mit dem Krieg in der Ukraine steht jedoch die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln für Teile der Welt auf dem Spiel. Dazwischen bewegen sich unsere Landwirtinnen und Landwirte, die beidem gerecht werden müssen – und wollen. Auch bei der Vorgabe ausreichend Lebensmittel bei nachhaltiger, ressourcenschonender Bewirtschaftung der Flächen zu produzieren, stehen unsere Landwirt*innen vor großen Herausforderungen. Denn Biodiversität, Lebensmittelproduktion und Grundwasserschutz gehen oft nicht miteinander überein. Seit 2019 ist Prof. Dr. Sven Simon Dozent an der Philipps-Universität Marburg, Abgeordneter im EU-Parlament und interessiert an den Herausforderungen seiner Landsleute in Bezug auf die europäische Politik. Das Amt für den ländlichen Raum des Hochtaunuskreises lud deshalb zum gemeinsamen Gespräch.

Hühnermobil, Mutterkuh- und Schweinehaltung, Direktvermarktung und Ackerbau lassen den Familienbetrieb Hildmann, Oberhöchstadt/Kronberg, ein breites Bild der regionalen Landwirtschaft zeigen. Zusammen mit dem Ersten Kreisbeigeordneten Herrn Thorsten Schorr, und Dr. Klaus Erdle, Leiter des Amts für den ländlichen Raum, beschrieben 10 Praktiker Ihre täglichen Herausforderungen im Zwiegespräch mit Prof. Sven Simon.

Mit ganz oben auf der Diskussionsliste stand der Umgang mit unseren Wiesen und Weiden, dem sogenannten Grünland in unserer Region. Wo einerseits für die Verbesserung von Biodiversität und Klimawirkung der Erhalt und die Extensivierung des Grünlandes ein probates Mittel darstellt, ist es für viele Betriebsleiter*innen eher eine Zwickmühle: Um Wiesen und Weiden zu erhalten braucht es Tiere, die diese als Futtergrundlage nutzen. Auf der anderen Seite steht in Deutschland die Haltung von Tieren, trotz hoher Standards und großer Nachfrage nach Milch und Fleisch in der Kritik. Viele landwirtschaftliche Betriebe stellen daher die Tierhaltung ein. Aber wie sollen Wiesen und Weiden beim Wegfall der Tierhaltung noch gepflegt werden? Ähnlich verhält es sich bei dem stärker werdenden Druck dahingehend, unser Grünland nicht mehr zu düngen und den Aufwuchs nur noch sehr spät zu mähen. Nämlich dann, wenn Gräser und Kräuter bereits verholzen und wie Stroh auf der Fläche stehen. Als Futter ist dieses kaum mehr brauchbar – sowohl hinsichtlich seines Nährstoffgehaltes als auch durch die Förderung giftiger Arten durch die genannten Einschränkungen. In beiden Fällen werden Gras und Kräuter von Wiesen und Weiden teuer entsorgt und enden als Müll anstatt als Futter.

Diese Zusammenhänge zu verstehen, war ein Ziel des gemeinsamen Gesprächs mit Prof. Simon. Darüber hinaus ging es auch um die, im Zuge der neuen Gemeinsamen EU-Agrarpolitik geplanten 4 % stillgelegten Ackerflächen. Mit steigender, vor allem regionaler Nachfrage nach Lebensmitteln seitens der Verbraucher und dem Wegbrechen ukrainischer und russischer Ernten, braucht es eine nachhaltige und ausreichende Produktion auf unseren Flächen um den Bedarf zu decken. Wie passt dies in die Idee der EU, einen maßgeblichen Teil wertvoller Ackerflächen sich selbst zu überlassen und nicht mehr zu nutzen? Herr Simon kennt den Zielkonflikt zwischen Lebensmittelproduktion und Naturschutz und weiß das Thema im Agrarausschuss des EU-Parlaments bereits in Bearbeitung.
Beim Gang über die Baustelle eines kombinierten Mutterkuh- und Mastschweinestalles des Betriebs Hildmann wurden auch die Beschränkungen durch die Düngeverordnung wegen hoher Nitratgehalte im Grundwasser besprochen. Hier vermissen die Praktiker die Vergleichbarkeit mit anderen Mitgliedsstaaten der EU. Jeder Mitgliedssaat nutzt andere Methoden zur Erfassung der Nitratgehalte im Grundwasser und die Zahl und Aufteilung dieser Brunnen auf der Landesfläche ist unterschiedlich. Eine klare Vorgabe dazu, wie und wo gemessen werden soll, ist von EU Seite nicht gegeben.

Herr Simon wies hierbei auf einen immer wieder aufkommenden Zielkonflikt in Brüssel hin: Einerseits bemängeln die Mitgliedssaaten zu starre Vorgaben, sind andererseits keine Rahmen gesetzt, werden diese vermisst. So auch bei der Methodik der Nitratmessstellen. Die Auswahl derer lag zum Stichtag bei den Mitgliedsstaaten. Deutschland meldete die selbst ausgesuchten Daten – Landwirtinnen und Landwirte tragen zu ihrem Leidwesen nun die Konsequenzen: im Vergleich zu anderen EU-Ländern geringere Düngemengen und folglich sinkende Erträge und schlechtere Qualitäten.

Im offenen Gespräch mit Prof. Simon als „Botschafter“ der EU im Hochtaunuskreis und den Praktikern vor Ort zeigte sich, dass hier wie dort Zielkonflikte bestehen. Am Ende politischer Prozesse stehen stets hart erarbeitete Kompromisse. Die Landwirtschaft hat einerseits die Aufgabe, die Bevölkerung mit Lebensmitteln und agrarischen Rohstoffen zu versorgen, gleichzeitig liegt ihr Anteil an der Bevölkerung Deutschlands lediglich bei ca. 1,4 %. Das Verhältnis zwischen Verantwortung für, und Repräsentation in der Bevölkerung ist mehr als ungleich. Um die Belange der Landwirtschaft in politische Findungsprozesse einzubringen braucht es starke Stimmen aus dem Berufsstand und die Unterstützung durch die Gesellschaft. Die Mitarbeit und das Engagement in Verbänden und Vertretungen ist dazu unabdingbar. Das ist ein Aufruf an alle Landwirtinnen und Landwirte, neben der täglichen Arbeit auch ein ehrenamtliches Engagement für die Branche zu übernehmen. Da die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe stetig abnimmt, müssen ihre Stimmen und der Rückhalt in der Gesellschaft umso stärker werden.

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